Das Netzwerk Demenz in Stadt und Landkreis Tübingen ist auch während der Corona-Krise aktiv

Für das Netzwerk Demenz in Stadt und Landkreis Tübingen kann es keinen Lockdown geben. Weshalb seine Mitglieder mit Kreativität auf die Corona-Pandemie reagieren und ihre Angebote an die bestehenden Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln anpassen.


Auch wenn die Luft Anfang Dezember schon winterlich kühl war: Bis zu acht Senior(inn)en wagten sich auf die Balkone des Luise-Poloni-Heims, um einem Tanztrio zu applaudieren, das im Garten des Lustnauer Altenzentrums einen bunten Mix aus Cha-Cha-Cha, Rumba und Wiener Walzer aufs Open-Air-Parket legte. Weil die Tänzer(innen) während ihrer Darbietung den Mund-Nasen-Schutz trugen, brauchten sie nach den einzelnen Nummern erst mal eine Verschnaufpause. Und die füllte Sylvia Kernchen mit stimmungsvollen Gesangseinlagen. „Solange unsere Tanznachmittage für ältere Menschen wegen Corona nicht stattfinden können, kommt das Tanzcafé Alois zu den Seniorenheimen“, erklärt Anke Möck, Geschäftsführerin der Tübinger Familien- und Altershilfe (TüFA). Die TüFA bietet die Tanznachmittage für demenziell erkrankte Menschen und ihre Angehörigen sowie für Senioren, die gerne tanzen, zusammen mit der Tübinger Beratungsstelle für ältere Menschen und deren Angehörige sowie dem Tanzsportverein TTC Rot-Gold Tübingen an.


Das mobile Tanzcafé Alois ist ein Beispiel dafür, wie das Netzwerk Demenz mit Kreativität auf die Pandemie reagiert. Und für die wärmere Jahreszeit haben die Netzwerkpartner weitere Veranstaltungen an der frischen Luft geplant. Bei einer positiven Entwicklung der Corona-Lage möchte die Beratungsstelle für ältere Menschen und ihre Angehörigen im Mai zum Waldbaden für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen einladen. Solche Angebote sind für die psychische und physische Gesundheit von zentraler Bedeutung. Sie befriedigen das Bedürfnis nach Geselligkeit in einem Rahmen, der das Infektionsrisiko geringhält. Und sie sorgen für körperliche Bewegung. Denn wer wochenlang in seinem Zimmer eingesperrt ist, verliert Muskeln und wird anfälliger für Stürze

Die Lebensqualität im Blick
Menschen sind soziale Wesen und brauchen Kommunikation. Und Menschen mit Demenz leiden besonders unter Isolation und Kontaktbeschränkungen. Zumal für sie Körperkontakt besonders wichtig ist. Menschen mit Demenz müssen die Nähe zu anderen spüren und sind darauf angewiesen, in den Arm genommen zu werden. Kontaktbeschränkungen können bei diesen Patienten dazu führen, zusätzlich zu ihrer Demenz auch noch an einer Depression zu erkranken. Dies gilt besonders für demenziell Erkrankte in einer Palliativsituation. Und während sich unsere Gesellschaft allmählich an den Mund-Nasenschutz gewöhnt, mag die ständige Begegnung mit Maskenträgern den dementen Menschen nachhaltig irritieren und verängstigen.

Deshalb geraten sowohl die Angehörigen von Menschen mit Demenz als auch ihre professionellen und ehrenamtlichen Betreuer durch die Corona-Pandemie in ein ethisches Dilemma. Sie werden täglich mit der schwierigen Abwägung zwischen Infektionsschutz und menschlicher Zuwendung konfrontiert. Sie bewegen sich auf einem schmalen Grat, der den Schutz des Lebens als höchsten Wert definiert, ohne die Lebensqualität dementer Menschen aus dem Blick zu verlieren und die virologische Perspektive auf die Pandemie absolut zu setzen.


Breites Angebot an Telefonnummern
Weniger schwierig ist es für das Netzwerk, die Angehörigen von dementen Menschen zu erreichen. So bietet die Gerontopsychiatrische Beratungsstelle für den Landkreis Tübingen seine Beratung auch telefonisch an. Dabei werden die Angehörigen pflegebedürftiger Menschen über die Möglichkeiten der häuslichen, teilstationären und stationären Versorgung informiert und bei Antragstellungen für die Kranken- und Pflegeversicherung unterstützt. Die Beratung zu Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen gehört ebenfalls zu den Aufgaben der Gerontopsychiatrischen Beratungsstelle, die auch einen Gesprächskreis für pflegende Angehörige in Mössingen ins Leben gerufen hat. Die Mitarbeiter(innen) machen auch Hausbesuche mit vorheriger Terminabsprache und unter Einhaltung eines Hygienekonzeptes. Die Beratung von Menschen ohne eine gerontopsychiatrische Erkrankung wird von den Pflegestützpunkten des Landkreises erbracht.

Hilfe per Telefon


Barrieren digitaler Kommunikation
Zu den Folgen der Corona-Krise gehört ein Digitalisierungsschub in vielen Bereichen der Gesellschaft. Damit diese Entwicklung nicht an den Senioren vorbeigeht, bietet die Beratungsstelle für ältere Menschen und ihre Angehörigen in Kooperation mit der Volkshochschule regelmäßig kostenlose Online-Vorträge zu Themen rund um das Älterwerden an.
Für Menschen mit Demenz ist der Zugang zu digitalen Medien allerdings mit hohen Barrieren verbunden. Um Laptops, Tablets oder Smartphones nutzen zu können, sind sie auf permanente Assistenz angewiesen. Abgesehen davon können weder das Internet noch das Telefon den persönlichen Kontakt ersetzen. Weshalb die TüFA auch während der Pandemie ihr Programm zur Entlastung pflegender Angehöriger durch die stundenweise häusliche Betreuung Demenzkranker aufrecht erhält.


Wissenschaftliche Reflexion an der Uni
Inwieweit das Netzwerk Demenz seine Planung für 2021 realisieren kann, hängt vor allem vom weiteren Verlauf der Pandemie und davon ab, wie schnell demenzkranke Menschen von neuentwickelten Corona-Impfstoffen geschützt werden können. Jedenfalls zeigt sich in der aktuellen Krise, wie wertvoll ein starkes Netzwerk ist, das speziell auf die Bedürfnisse demenzkranker Menschen abzielt. Der regelmäßige Austausch der Partner macht es möglich, aus den Erfahrungen während der Pandemie zu lernen und die Angebote zu optimieren.
Dabei profitiert das Netzwerk auch von der Kooperation mit der Universität Tübingen. Der Stadtseniorenrat bietet seine Vortragsreihe an jedem ersten Freitag im Monat

im Lebensphasenhaus in diesem Jahr als Livestream im Internet
https://www.lebensphasenhaus.de/de/angebot/events/ an.
 
Am 5. März referiert Gerhard Eschweiler, Ärztlicher Leiter des Geriatrischen Zentrums am Universitätsklinikum, über „Seelische Gesundheit – Wie bewältigen wir die Corona-Pandemie?“ Und am 3. September thematisiert Sabine Schacht vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften an der Uni Tübingen unter der Fragestellung „Einsames Sterben unter Corona?“ ethische Reflexionen zu Tod und Trauer in besonderen Zeiten.